Kanzleigründer Dr. Otto Kähler

files/pueschelfitz/dr_otto_kaehler.jpg14. Juni 1875 - 26. Januar 1955

Am 26. Januar 1955 verstarb in Itzehoe der Rechtsanwalt Dr. Otto Kähler nach einem gesegneten und erfolgreichen Leben.

Er wurde am 14. Juni 1875 in Altona-Ottensen als Sohn des Pastors Gregor Clemens Kähler geboren. Er durchlief das Gymnasium Christianeum in Altona im wesentlichen als Klassenerster und bestand Michaelis 1893 das Abiturientenexamen. Alsdann bezog er die Universität Leipzig. Es ist bezeichnend und vielleicht auch bestimmend für seine Weiterentwicklung gewesen, dass er begann mit dem Studium der Philosophie und Theologie, und sich erst im zweiten Semester der Jurisprudenz zuwandte, ohne dabei völlig das Hören von Kollegs auf anderen Gebieten zu vernachlässigen. In Leipzig trat auch seine Liebe zur Musik schon stark in den Vordergrund. Er besuchte nicht nur fleißig die Gewandhauskonzerte und die Veranstaltungen des Thomanerchores, sondern schrieb damals auch schon in den Tageszeitungen kritisch über solche Veranstaltungen. Nachdem er von 1895-96 seiner Wehrpflicht genügt und sein Studium fortgesetzt hatte, bestand er 1898 das Referendarexamen, nachdem er vorher von München aus im Winter 1896/97 seine erste Romreise machte, von der er große Eindrücke zurückbrachte und die wahrscheinlich veranlaßt war, nicht nur durch sein Interesse für die klassische Zeit‚ sondern auch durch Goethe und dessen Leben.

Schon bevor er am 11. Februar 1903 sein Assessorexamen bestanden hatte, wurde er am 7. luni 1902 durch den Konvent des Klosters Itzehoe einstimmig zum Klostersyndikus und Klosterschreiber und am 8. Juli 1902 durch die Ritterschaft zum Landsyndikus und Sekretär der Fortwährenden Deputation der Schleswig-Holsteinischen Prälaten und Ritterschaft gewählt. Diese Ämter trat er am 16. Februar 1903 an.

Sein Interesse für die schleswig-holsteinische Geschichte und für Rechtsgeschichte fand durch diese seine Tätigkeit neue Nahrung; denn die beiden Ämter brachten es mit sich, daß er sich besonders mit der schleswig-holsteinischen Geschichte und auch mit der Schleswig-Holsteinischen Rechtsgeschichte näher befassen mußte. Es war die Zeit, in der das am 1. Januar 1900 in Kraft getretene Bürgerliche Gesetzbuch das Recht auf den meisten Gebieten vereinheitlicht und das Landesrecht ersetzt hatte. Es blieben aber noch zahlreiche Rechtsgebiete übrig, die das BGB oder eine sonstige zentrale Gesetzgebung nicht geregelt hatte und auf denen daher das Schleswig-Holsteinische Sonderrecht in Kraft blieb. Es gab aber darüber hinaus noch Rechtsgebiete, von denen das Schleswig-Holsteinische, vor 1900 bestehende Recht über den 1. Januar 1900 hinaus sich auswirkte. In dieser Beziehung war von besonderer Bedeutung das Familienrecht, insbesondere das eheliche Güterrecht und das Erbrecht. Schleswig-Holstein bot ein überaus buntscheckiges Bild im Recht in den verschiedensten Teilen des Landes. Neben dem gemeinen Recht kamen das Sachsenrecht, das Lübsche Recht und das Jütische Low zur Anwendung, darüber hinaus aber noch kleinere lokale Rechte, wie die Neumünsteraner Kirchspielgebräuche, das Recht der Harden an der Westküste und das Dithmarscher Landrecht und so weiter. Für denjenigen Juristen, welcher nicht in diesen alten Rechten groß geworden war, war die Rechtsanwendung bei dieser Buntscheckigkeit so schwierig, daß er kaum darin zurechtfinden konnte. Aber auch bei den älteren Juristen konnten Zweifel auftauchen, inwieweit das alte Recht noch neben dem neuen Recht bestand.

Gerade mit diesen Überschneidungen der Rechtsgebiete hatte sich Dr. Otto Kähler in seiner Tätigkeit für das Kloster und die Ritterschaft zu beschäftigen. Diese Arbeit traf in glücklicher Weise zusammen mit seinem Interesse und seinem Verständnis für allgemeine Geschichte. Aus dieser Kombination erwuchs dann Dr. Otto Kählers wertvollste Arbeit, sein Buch über das Schleswig-Holsteinische Landesrecht, das im Jahr 1908 bei Augustin in Glückstadt erschien (1923 in 2. Auflage). Viele Juristengenerationen haben sich dieses Buches als Erkenntnisquelle bedienen müssen. Es ist wohl das einzige Werk dieser Art in Schleswig-Holstein geblieben und war daher eine häufig zitierte Quelle für die Rechtsfindung.

Sein Interesse für schleswig-holsteinische Geschichte und Rechtsgeschichte zeigte sich dann in zahlreichen Veröffentlichungen in der Zeitschrift für Schleswig-Holsteinische Geschichte, in Nordelbingen und in den Schleswig-Holsteinischen Anzeigen. Soweit die Interessen der Ritterschaft und des Adels in Frage kamen, sind derartige Aufsätze auch im Deutschen Adelsblatt von ihm erschienen. Verwiesen werden mag insbesondere auf folgende Aufsätze:

-Die diplomatische Tätigkeit des Kanzlers Freiherr Andreas Pauli von Liliencron im Rahmen des Gesamtstaates. ZSHG, Bd. 66, S. 37-139.

-Zur Geschichte des Oberpräsidenten Graf Carl Scheel-Plessen. Ebenda, Bd. 67, S. 416-421.

-Ein Gesandtschaftsbericht aus Regensburg über die Elbstreitsache Christians IV. mit Hamburg. Ebenda, Bd. 72, S. 245-259.

-Zur Entwicklung der Landtage und der Gesetzgebung in Schleswig- Holstein zur ständischen Zeit. Schleswig - Holsteinische Anzeigen 1940, S. 1-5 und 17—21.

-Über das Recht der Stadt Kiel. Ebenda 1947, S. 1-5.

-Magnus von Wedderkop, ein schleswig-holsteinischer Jurist und Staatsmann. Ebenda 1947, S. 221.

-Über einige Maße und Münzen im alten Schleswig-Holstein. Ebenda 194a, S. 41.

-Schleswig-Holsteins Erhebung von 1848 und das Staatsrecht der Lande. Ebenda 194a, S. 53-59.

-Das dänische Königsgesetz von 1665 und Schleswig-Holstein. Ebenda 1950, 109-112.

Daneben laufen noch Veröffentlichungen auf kirchengeschichtlichem Gebiet und vor allen Dingen Veröffentlichungen auf dem Gebiete des Rechts und der Geschichte der Ritterschaft, die im Wesentlichen in dem Deutschen Adelsblatt abgedruckt sind.

Inzwischen hatte Dr. Kähler seine Tätigkeit beim Kloster Itzehoe aufgegeben und sich am 1. Februar 1909 am Oberlandesgericht in Kiel niedergelassen, wo er die Praxis zusammen mit Justizrat Dr. Abraham ausübte.

1914-1918 nahm er am ersten Weltkrieg als Reserveoffizier teil. Er wurde als Hauptmann der Reserve, ausgezeichnet mit dem E.K. II und dem E.K. I, entlassen.

Seine Praxis und seine Tätigkeit als Rechtsanwalt am Oberlandesgericht war der Ausdruck vornehmster anwaltlicher Gesinnung. Seine großen positiven Kenntnisse auf dem Gebiete des Rechts, sein scharfer Verstand, sein starkes Gerechtigkeitsgefühl, sein Bestreben, in jedem Rechtsfall das wirtschaftliche Problem oder das menschliche Schicksal des einzelnen zu sehen, das Bemühen, das positive Recht so zur Anwendung zu bringen, daß den Anforderungen der Gesellschaft und des Staates Genüge getan wird, kennzeichnen die Art seiner Praxisausübung. Er war ein mutiger Streiter für das Recht, der sich mit seinem ganzen lebhaften Temperament, mit Leidenschaft und Energie für dasjenige einsetzte, was er für recht hielt, ohne Rücksicht darauf, ob er persönlich davon Vorteile oder Nachteile hatte. So hat er zahlreichen Klienten aus dem Lande Schleswig-Holstein und der Nachbarschaft geholfen, das Recht zu bekommen, und genoß infolge dieser seiner Eigenschaften und seiner Art der Berufsausübung das höchste Ansehen und das unbedingte Vertrauen der rechtsuchenden Bevölkerung, des Gerichts und der Kollegenschaft. Die Anerkennung seiner juristischen Fähigkeiten und seiner wissenschaftlichen Leistungen fand auch dadurch ihren Ausdruck, daß er seit 1920 Mitglied der Prüfungskommission für die erste juristische Staatsprüfung und seit 1945 auch Mitglied der Kommission für die zweite juristische Staatsprüfung war.

Als Praxis und Wohnhaus im Jahre 1944 dem Bombenangriff zum Opfer fielen, siedelte er wieder nach Itzehoe über, wurde dort auch Rechtsanwalt beim Amts- und Landgericht Itzehoe und hat diese Tätigkeit bis zu seinem Tode ausgeübt.

Seine großen Verdienste wurden schließlich dadurch anerkannt, daß ihm am 18. 0ktober 1954 das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik durch den Bundespräsidenten verliehen wurde.

Neben diesen Leistungen auf geschichtlichem und juristischem Gebiet gingen aber weiter seine Interessen für Musik und Literatur. Er war Mitglied der Goethe-Gesellschaft und beteiligte sich an deren Arbeiten außerordentlich lebhaft. Die Tagungen machte er fast regelmäßig mit‚ und er wanderte vielfach auf den Spuren Goethes in Deutschland und in Italien. Er war ein großer Naturfreund. Mit dem Rucksack wanderte er durch die Schönheiten der engeren und weiteren Heimat, wobei er fast immer irgendwelche geschichtlichen Erinnerungen verfolgte. Diesen vielseitigen Begabungen und Betätigungen auf dem Gebiet der Wissenschaft und der Kunst entsprach die Persönlichkeit Otto Kählers. Er war ein Mann von ausgeprägter Religiosität, von starkem Rechts- und Pflichtbewußtsein, ein Mann, der den kategorischen Imperativ restlos für sich selbst anerkannte und der unbekümmert um äußere Einflüsse denjenigen Weg ging, den er für richtig hielt, und diejenige Handlung vernahm, die seinem Ziele und seiner Persönlichkeit entsprach. Er mag daher manchmal unbequem gewesen sein, aber jeder, der mit ihm zusammenkam, wußte und erkannte, daß alles das der Ausfluß einer in sich ruhenden starken Persönlichkeit war, die eben nur so handeln konnte, wie sie handelte, und die wohl niemals sich selbst untreu geworden ist. Nur das Zusammenklingen aller dieser Anlagen und Betätigungen schuf den Mann, der aus sich heraus unendlich vielen im engeren und im weiteren Kreis etwas gegeben hat, und der sich durch dieses Sichverschenken die Achtung und die Liebe der mit ihm in Berührung kommenden Persönlichkeiten erworben hat. Er hat sich dadurch ein ehrenvolles Andenken in allen geistig interessierten Kreisen des Landes gesichert.

Quelle: Dr. Friedrich Lange, Präsident der Rechtsanwaltskammer Schleswig-Holsteins in "Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte", Bd. 80, Neumünster 1956, S. 17 ff.